Warum ein eigenes Unterkapitel zu ostdeutschen Perspektiven notwendig ist
Mit dem vorliegenden Antrag schlagen wir vor, das Berliner Wahlprogramm um ein eigenständiges Unterkapitel zu ostdeutschen Perspektiven zu erweitern. Ziel ist die politische Bearbeitung einer strukturellen Herkunfts- und Sozialisationsdimension, die für Berlin in besonderer Weise prägend ist. Als einziges ost-westdeutsches Bundesland ist Berlin zugleich Erfahrungsraum, Projektionsfläche und politisches Labor der deutschen Einheit.
Mehr als drei Jahrzehnte nach 1990 zeigen sozialwissenschaftliche Studien und staatliche Berichte übereinstimmend, dass ostsozialisierte Menschen weiterhin systematisch unterrepräsentiert sind und geringere Teilhabechancen haben. Dies betrifft insbesondere Vermögensbildung, Führungspositionen in Verwaltung, Medien, Wirtschaft und Politik (siehe ostbeauftragte.de/resource/blob/2038516/2160276/5869fdb68b793ab774664c5a500644ad/bundeskonzept-data.pdf?download=1,S. 21ff). Die lange verbreitete Annahme, diese Unterschiede würden sich mit dem Generationswechsel von selbst erledigen, hat sich empirisch (siehe Steffen Mau „Ungleich vereint“) nicht bestätigt.
Ostsozialisation ist dabei keine rein biografische Randnotiz, sondern eine wirkmächtige soziale Prägung. Forschung (ostbeauftragte.de/resource/blob/2038516/2160276/5869fdb68b793ab774664c5a500644ad/bundeskonzept-data.pdf?download=1, S. 12) beschreibt sie als Form sozialer Herkunft, die durch Transformationserfahrungen, institutionelle Brüche und die anhaltende Abwertung ostdeutscher (Arbeits-)Biographien gekennzeichnet ist. Diese Prägungen wirken auch in nachwendesozialisierten Generationen fort und beeinflussen messbar politische Einstellungen, Vertrauen in staatliche Institutionen und politische sowie zivilgesellschaftliche Beteiligung.
Der Kampf gegen Rechts und für die Demokratie ist nicht allein eine Frage politischer Abgrenzung, sondern auch der strukturellen Einbindung und Anerkennung ostdeutscher Erfahrungen. Untersuchungen zeigen, dass ostsozialisierte Menschen im Durchschnitt eine geringere Parteibindung und eine höhere Wechselwahlneigung aufweisen. Politische Zugehörigkeit entsteht hier weniger über langfristige Loyalitäten als über Ansprache und tatsächliche Repräsentation. Wo diese ausbleibt, entstehen Repräsentationslücken, die von antidemokratischen Akteuren gezielt besetzt werden.
Vor diesem Hintergrund ist ein eigenes Kapitel zu ostdeutschen Perspektiven kein identitätspolitischer Sonderweg – und auch kein Ringen mit anderen Diversitätsmerkmalen –, sondern Ausdruck einer evidenzbasierten Demokratiepolitik. Ähnlich wie bei der Gleichstellung von Frauen oder der Anerkennung von Menschen mit Migrationsgeschichte geht es um die systematische Berücksichtigung einer sozialen Lage, die politische Teilhabe beeinflusst. Repräsentation wird dabei nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als Voraussetzung für Vertrauen in demokratische Institutionen und Entscheidungen.
Die vorgeschlagenen Schwerpunkte des Kapitels – Diskurse und Aufarbeitung, Demokratie und Gesellschaft, Förderung und Repräsentation sowie Chancengerechtigkeit – greifen dabei unterschiedliche Ebenen derselben Problemlage auf. Sie verbinden historische Einordnung mit gegenwärtiger Demokratiepraxis und zukunftsgerichteter Strukturpolitik. Die stärkere Berücksichtigung der Nachwendezeit soll deutlich machen, wie sehr heutige politische Einstellungen aus konkreten Transformationserfahrungen hervorgegangen sind, und so verkürzte Gegenwartsdeutungen verhindern.
Berlin verfügt über besondere Voraussetzungen, diese Perspektiven produktiv zu integrieren: durch seine Erinnerungsorte, seine vielfältige Zivilgesellschaft, seine Wissenschafts- und Medienlandschaft sowie durch Ostberliner Bezirke mit hoher Transformationskompetenz. Diese Kompetenzen wollen wir stärker sichtbar machen: Der Osten ist kein Defizitraum. Reale Benachteiligungen müssen stärker anerkannt werden, um einen Einigungsprozess in seiner ganzen Vielfalt weiter zu ermöglichen.
Nicht zuletzt ist der Antrag auch eine bewusste Rückbesinnung auf die eigene Geschichte unserer Partei. „BÜNDNIS 90“ steht für demokratischen Aufbruch, Stärkung der Bürgerrechte und politische Teilhabe von unten. Diese Tradition ist heute aktueller denn je. Eine Politik, die ostdeutsche Perspektiven ernst nimmt, stärkt die demokratische Repräsentationsfähigkeit insgesamt – in Ost wie in West.
Das eigenständige Kapitel zu Ostperspektiven ist damit eine notwendige Ergänzung des Wahlprogramms. Es schärft den Blick für strukturelle Ungleichheiten, stärkt demokratische Resilienz und macht deutlich, dass ein Zusammenwachsen auf Augenhöhe politische Gestaltung braucht. Zudem liefert es politische Ideen für eine Ansprache an die Wähler*innen aus dem Osten, die wir damit glaubwürdig ansprechen und neu gewinnen wollen.